Wege auf dem Wasser

Graaft

„Ich gebe dir noch einen Anschub und dann fährst du selbst.“

 

Kurz spüre ich Beschleunigung und dann gleitet das Segelboot ganz langsam aus dem Hafen. Fast habe ich das Gefühl, das Boot bleibe gleich stehen. Die Pinne in der Mitte, die Schot schön dicht. Dann spüre ich wie sich das Segel langsam spannt. Der Wind ist da und führt mich immer schneller weg vom Ufer. Die Stimmen und die Geräusche des Hafens werden leiser. Ich bin ganz für mich allein. Nur das Segelboot, das Wasser, der Wind und ich.

 

Wo soll es hingehen? Immer weiter raus auf den See, Richtung Brücke. Der direkte Weg ist nicht möglich, denn der Wind kommt auf einmal direkt von vorne. Mein Segeln beginnt zu flattern. Ich muss mich nun entscheiden: Die Pinne nach links oder nach rechts? Das ist manchmal nicht so einfach. Ich beobachte mein Segel ganz genau. Der Wind kommt ganz leicht von Backbord. Also die Pinne nach rechts, die Schot immer weiter lockern und die Pinne wieder gerade. Schon kleine Zeichen -wie der Wind- steuern, wie ich mich entscheide. Ich muss nur ganz genau aufpassen und dann im richtigen Moment handeln. Hätte ich die andere Richtung für die Pinne gewählt, hätte ich auch wieder Wind im Segel gehabt, aber es hätte länger gedauert. Es gibt also keinen falschen Weg, nur manchmal ist es nicht der schnellste.

 

Mein Boot nimmt immer mehr Fahrt auf und ich bekomme Schieflage. Es sind nur einige Zentimeter von der Bordkante bis zur Wasseroberfläche. Doch kentern kann dieses Boot fast nicht. Und selbst wenn, was würde passieren? Ich habe eine Schwimmweste und ich werde vom Ufer aus beobachtet. Das gibt mir Sicherheit, dass da jemand ist, der da ist, wenn ich im Wasser lande. Somit traue ich mir alles zu.

 

Das nächste Ufer nähert sich. Also alles klar zu Wende! Die Pinne bis zum Anschlag nach links, Schot anziehen, schauen, wann der Wind ins Segel greift, Pinne wieder gerade und die Schot wieder etwas lockern. Manchmal braucht es eben feste Abläufe. Vermutlich hätte ich sonst nicht so schnell wieder Fahrt aufgenommen.

 

Ich kreuze mit ein paar Wenden immer weiter hinaus auf den See. Zu Beginn der Fahrt waren noch Wolken unterwegs, vielleicht würde es regnen, aber nun kam langsam die Sonne durch. Sie scheint mir direkt ins Gesicht und fängt an zu brennen. Doch ich muss jetzt meinen Kurs beibehalten. Umdrehen ist nicht.

 

Ein paar weitere Segler sind auch draußen. Wir beobachten uns. Jeder sucht sich seinen eigenen Weg, um an sein Ziel zu kommen. Und alle erreichen sie es auch. Manchmal weiche ich aus, manchmal die anderen. Alles läuft ganz friedlich ab. Alle genießen einfach nur die Freiheit auf dem Boot.

 

Dann knackt es in meinem Walkie-Talkie: „Mach dich langsam schon mal auf den Weg zurück in den Hafen.“ Ich ändere meinen Kurs. Der Wind kommt von hinten. Damit geht es immer am schnellsten. Ich fahre noch ein paar Halsen. Da Segel schlägt mit Schwung von einer zur anderen Seite und die Fahrt geht weiter.

 

Der Hafen ist nun ganz dicht. Dort ist der Wind etwas schwächer. Ich werde langsamer. Ganz ruhig schaukelt mein Boot zum Steg. Es steht schon jemand da, um mich in Empfang zu nehmen. „Wie war’s?“ – „Einfach nur schön.“ Ich strahle über beide Ohren.

 

Meine Hände sind kalt, ich kann die Finger kaum bewegen. Zurück in meinem Rollstuhl schaukelt nichts mehr, es ist schon fast ein befremdliches Gefühl. Ich schaue auf die Uhr. Mehr als zwei Stunden war ich da draußen. Sie kamen einem vor, wie wenige Minuten, aber wie wenige ganz besondere, befreiende Minuten.

 

Mein Boot wird abgebaut, wir quatschen noch eine Weile und dann mache ich mich auf den Heimweg. Ein letzter Blick auf die Boote. Ich komme wieder. Ganz sicher. Einfach für das Gefühl der Freiheit!

 

 

Katharina Kohnen

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